Die Milchfabrik – eine Aufgabe für den Architekten: Rudolf Holý

Nach dem Zweiten Weltkrieg hat sich die Industrie-Architektur der Tschechoslowakei innerhalb einiger weniger Jahre grundlegend verändert. Die Verstaatlichung der Betriebe und eine neuartige Auftragsvergabepraxis sowie das zusammengelegte Bau- und Projektierungswesen waren allerdings nicht die einzigen Schwierigkeiten mit denen die Architekten in dieser Zeit zurechtkommen mussten. Vor allem machte ihnen das mit der politischen Richtung des Regimes eng verbundene, starre System der sozialistischen Planwirtschaft zu schaffen, das die Vorbereitung von Investitionen, die Projektierung und häufig auch die eigentlichen Bauarbeiten erschwerte. Eine der Prioritäten für die Tschechoslowakei der Nachkriegszeit war der Umbau der Industrie. Dieser Prozess wurde zum Grundstein für die neu konzipierte Wirtschaft, wie es im Zweijahresplan (1947–1948) angedeutet und dann im ersten Fünfjahrplan (1949–1953) weiter entwickelt wurde. Auf diesen Industriebauboom in einem heute kaum vorstellbaren Ausmaß war der vereinheitlichte Projektierungsapparat allerdings nicht eingestellt. Daher war es notwendig, sofort die dafür nötige, spezialisierte Ausbildung an den Architekturfakultäten der jeweiligen Hochschulen abzusichern und eigenständige Institutionen für die Projektierung von Industriebauten als ein professionelles Umfeld für die komplexe Projektvorbereitung der einzelnen Fachgebiete zu gründen. Eine entscheidende Rolle spielte dabei eine Theorieplattform, die von Otakar Štěpánek, Emil Hlaváček, Jiří Girsa, Emil Kovařík, Eduard Teschler, Miloš Vaněček, Jiří Vančura sowie Emanuel Podráský gebildet wurde. Diese Spezialisten definierten die Anforderungen an eine moderne Fabrik und gaben den Architekten innerhalb kurzer Zeit eine ganze Reihe von Fachbüchern und Studien zur Hand.

Die Jahre der organisatorischen Veränderungen und eine Atmosphäre des ständigen Suchens nach optimalen Möglichkeiten, Überarbeitungen und der Rückkehr schlugen sich nicht nur in der praktischen Arbeit sondern auch in der eigentlichen Architektur nieder. Lange Zeit konnte sich hier noch die starke funktionalistische Tradition der Zwischenkriegszeit halten, vor allem dank solcher Persönlichkeiten wie František Albert Libra, Oskar Oehler/Olár und die Architekten der nach der Stadt Zlín benannten Schule um Jiří Voženílek, Vladimír Kubečka, Zdeněk Plesník und Miroslav Drofa. Die Bemühungen um eine individuelle Herangehensweise an industrielle Architektur konnten jedoch unter diesen Umständen nicht von langer Dauer sein. Mehr noch als die Tendenzen des sozialistischen Realismus sowjetischen Typus, der sich in der Industriearchitektur fast nicht zeigte, waren es die Zwänge der Wirtschaftlichkeit, die markantere architektonische Entwürfe für einen gewissen Zeitraum in den Hintergrund rückten. Das Hauptthema der theoretischen Debatten wurde im Falle der Industriebauten die Typisierung. Deren Einführung in die bauliche Praxis ging jedoch nicht so vonstatten wie sich das die Theoretiker vorgestellt hatten. Dennoch gelang dank dieser Überlegungen, parallel zur globalen Entwicklung, eine Charakterisierung der grundlegenden Parameter eines Industriebetriebes (Universalität, Methode der Einteilung in Zonen und Sektionen, Monoblocks, fensterlose Gebäude, freistehende Apparaturen) auch unter den Bedingungen eines eher unflexiblen Bauwesens in der Tschechoslowakei.

Von Beginn an stand hinter diesen Veränderungen auch der Architekt Rudolf Holý (1930–2015), dem dieses Buch gewidmet ist. Holý studierte Architektur und Hochbauwesen an der Technischen Hochschule in Prag (Vysoká škola architektury a pozemního stavitelství, České vysoké učení technické), an der er Ateliers von František Čermák, Spezialist für Gesundheitsbauten, und des schon erwähnten Otakar Štěpánek absolvierte. Auch wenn Rudolf Holý sich eigentlich nach dem Studium Gesundheitsbauten widmen wollte, verband sich seine Karriere mit dem Industriebau. Nach drei Jahren, die er in der Projektierung für die Bergbauindustrie (Hutní projekt) verbrachte, wechselte er in den Betrieb Potravinoprojekt, ein Projektierungsbetrieb, der die Vorbereitung von Fabriken für die Lebensmittelindustrie absicherte – Zuckerwerke, Brauereien, Mälzereien, Brennereien, Konservenfabriken, Milchwerke, Fleischkombinate, Gefrieranlagen, Mühlen, Lager für Getreide und andere Lebensmittel. Innerhalb von wenigen Jahren wurde Rudolf Holý zu einem der besten Spezialisten für Industriearchitektur. Er konzentrierte sich vor allem auf moderne, Milch verarbeitende Betriebe – Großbetriebe mit ausgeklügelten Technologien, die auf der Grundlage der neuesten Erkenntnisse der Betriebswirtschaftslehre konzipiert waren. Obwohl Holý ebenso wie andere Architekten mit solchen Unzulänglichkeiten wie der Lieferbarkeit von Materialien und komplizierten Absprachen mit den Investoren zu kämpfen hatte, gelang es ihm auch unter diesen Bedingungen seine architektonischen Idee zu verteidigen und an den hohen Standard der Milchwerke anzuknüpfen, die in den zwanziger und insbesondere in den dreißiger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts bis zum Bauverbot in der Protektoratszeit errichtet wurden.

Die Entwicklung ebendieser Baukultur bringt uns das einleitende Kapitel „Der Weg zum industriellen Milchbetrieb“ näher. Eingehend verfolgt es den immer größeren Anteil von Architekten an der Planung von Milch verarbeitenden Betrieben, für die die Maschinenausstattung von größerer Bedeutung war als die Gestaltung des Gebäudes. Eine grundlegende Rolle in diesem Zusammenhang spielte der Verband der Milchgenossenschaften (Svaz mlékařských družstev), der neben organisatorischen und betrieblichen Angelegenheiten auch die Projektierungen und den Bau neuer Milchwerke überwachte. Dank der Aktivitäten dieses Verbandes wurden Milchfabriken mit bereits nicht zu übersehenden architektonischen Ambitionen nach Projekten von hervorragenden Architekten, wie Josef Danda, Eduard Žáček, Josef Franců, Karl Ernstberger, Josef Lipš und weitere, gebaut. Es waren eben die Möglichkeiten des Funktionalismus, die auch Gebäude der Milch verarbeitenden Industrie mit einem künstlerischen Wert ausstatteten und
auch am Beginn der Nachkriegskonzeption der Großbetriebe stand.

Die erwähnten Texte von Jan Zikmund und Jakub Potůček ergänzt ein Artikel von Rudolf Holý „Zeitgenössische Tendenzen im Bau von Milchwerken“, der konkrete Probleme aufzeigt, die bei der Planung von Milchfabriken in jener Zeit von Architekten zu lösen waren. Das Gespräch mit Jiří Horský und die persönlichen Erinnerungen des Architekten Tomáš Šenberger bringen uns am Ende des Buches das Leben von Rudolf Holý nahe.

Wie in seinen einleitenden Bemerkungen Benjamin Fragner schreibt, öffnet die Publikation gleichzeitig das bisher wenig wahrgenommene Thema der Nachkriegsarchitektur im Rahmen des Projektes NAKI II Industriearchitektur – Das Industriedenkmal als technisch-architektonisches Werk und als Identität eines Ortes (Industriální architektura. Památka průmyslového dědictví jako technicko-architektonické dílo a jako identita místa). Die Forschung zu diesem Thema gipfelt in einer großen Monografie, die sich der Entwicklung der industriellen Nachkriegsarchitektur in einer komplexen Betrachtung von 1945 bis zur Schließung des Staatlichen Projektierungsbetriebes am Beginn der neunziger Jahre widmet.

Zusammenfassung übersetzt von Susanne Spurná

 

Jakub Potůček – Jan Zikmund et al., Die Milchfabrik – eine Aufgabe für den Architekten: Rudolf Holý, Prag 2016.

144 Seiten; tschechisch/englische und deutsche Zusammenfassung; 82 Abbildungen; ISBN 978-80-01-06041-4 / Autoren Jakub Potůček, Jan Zikmund / Mitautoren Benjamin Fragner, Jiří Horský, Tomáš Šenberger / Rezension Petr Kratochvíl, Petr Urlich / Korrekturen Hana Hlušičková / Übersetzung Robin Cassling, Susanne Spurná / Grafik Jan Forejt / Abbildungen Jiří Klíma / Produktion Gabriel Fragner / Schrift Pepi und Rudi / Papier Munken Lynx / Druck Formall / Das Forschungszentrum für das Industrielle Erbe 2016

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Industrial Topography / The Architecture of Conversion Czech Republic 2005–2015

Austellung 23. 3. – 10. 4. 2017 | OTH Regensburg | Fakultät Architektur | Halle A

23. 3. 2017 | 18.00 Uhr Einführung prof. Pavel Zvěřina | Vortrag Petr Vorlík

Katalog

 

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Bruno Bauer und Industriearchitektur in den böhmischen Ländern

Die Planung und Projektierung von Fabriken in den böhmischen Ländern war Teil der weltumspannenden Entwicklung ökonomischer und technischer Erkenntnisse und Erfahrungen. Spezialisierte Projektierungsbüros waren richtungsweisend und in der Lage, ein funktionierendes Betriebsschema, die dementsprechende Raumaufteilung und eine Konstruktion, die diese auf ökonomische Weise umsetzt, zu entwerfen und gleichzeitig auch den Ansprüchen an das Äußere des Werkes gerecht zu werden. Eine Schlüsselrolle spielt bei dieser Entwicklung die Textilindustrie, deren Ansprüche an Raumgröße und Aufteilung sowie an die Sicherheit, die ersten Bauten entstehen ließ, die man in dieser Hinsicht modern nennen kann.

Direkte Kontakte zur entwickelten britischen Projektierungspraxis von Baumwollspinnereien sind für den mitteleuropäischen Raum bisher nur wenig dokumentiert. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts brachte diese vor allem das Schweizer Büro von Carl Arnold Séquin-Bronner (später Séquin & Knobel) hierher, später wirkte in den böhmischen Ländern allerdings auch das Leipziger Büro Händel & Franke. Bereits seit 1877 gab es auch einheimische Konkurrenz: das Büro des Baumeisters František Plesnivý in Náchod und später in Hradec Králové. Sein erstes Technisches Bureau für Brauereien gründete 1863 Gustav Noback in Prag und zwei Jahre später auch Josef Vincenc Novák. Kurz darauf begannen sie bereits, außer Projektierung und Kostenvoranschlag, auch die Maschinenausstattung aus dem eigenen Maschinenbaubetrieb anzubieten. Zuckerwerke wurden damals gemeinsam vom Maschinenbauer Čeňek Daňek und der Baugesellschaft Václav Nekvasil projektiert und ausgestattet. Der erste einheimische Baumeister, der auf der Grundlage eigener Projekte ausschließlich Industriebauten ausführte, war anscheinend Josef Rosenberg (seit 1873) aus Iglau, insbesondere spezialisiert auf gekühlte Wirtschaftsgebäude für Brauereien. Einen umfassenden Erfolg in diesem Fach erzielte vor allem die 1887 in Prag gegründete Bau- und Projektierungsfirma Viktor Beneš. Anfang des Jahrhunderts wurde die Projektierung dann weitestgehend von Baufirmen übernommen, die sich auf Stahlbeton spezialisierten. Die Projektierungsabteilung der Wiener „concessionaire Hennebique“ von Eduard Asta wurde von seinem Schwager Hugo Gröger geführt. Dieser publizierte eine Serie von Industriebauten, wobei deren Stahlbetonskelett seit mindestens 1902 an der Fassade sichtbar war. Etwas später begannen eine weitere Wiener Firma, Pittel & Brausewetter, und auch die Brünner Firma B. Fischmann & Co. mit der Projektierung und Bauausführung. Ein großer Teil der hiesigen Fabriken ging jedoch aus der Zusammenarbeit von Ingenieuren aus Baufirmen (Skorkovský, Müller & Kapsa) mit Maschinenbauingenieuren für die Bereitstellung der Ausstattung, mit auf den Betriebsablauf spezialisierten Fachleute-Auftraggebern und unter Umständen auch mit Architekten hervor. Die erste Generation von Architekten, die sich an der Planung von Industrie-Bauten wiederholt beteiligte, studierte an der Technischen Hochschule in Wien bei Karl König – Praxis und Lehrtätigkeit betreffend, gehörten Leopold Simony und Heinrich Fanta zu den Erfolgreichsten. Danach bekannten sich auch die Schüler von Wagner an der Akadamie 1908 zu diesem Thema, von denen jedoch nur Hubert Gessner mit seinem Bruder Franz und vor allem Bohumil Hypšman zu einer wirklich komplexen Entwurfsarbeit von Industriebauten kamen. In den Böhmischen Ländern waren zugleich Dependancen tätig, die eine komplette Projektierung von Bauten verschiedener Industriezweige offerierten. Neben einigen Projekten des Stuttgarter Büros Phillip Jakob Manz ist hier die Arbeit von Heinrich Zieger, der zuerst in Zittau in der Lausitz seinen Sitz hatte, und auch die Arbeiten des Frankfurter Büros C. T. Steinert, die sich ausschließlich auf Bauten für die Leder verarbeitende Industrie spezialisierte, hervorzuheben.

Das erfolgreichste hiesige Büro wurde 1908 von Bruno Bauer (1880–1980) gegründet. Bereits 1911 siedelte es dann nach Wien um, wo sich damals die zweite Generation österreichisch-ungarischer Fabrikanten, mit Betrieben in der Hauptstadt und in weiteren Industriezentren der Monarchie, traf. Die Bedeutung von Bruno Bauer und seine Bauten in Wien und Niederösterreich entgingen auch nicht der kunsthistorischen (Renate Wagner-Rieger), der topografischen (Ute Georgeacopol-Winischhofer) und der biografischen (Inge Schiedl) Literatur. Der größte Teil seiner Arbeit befindet sich jedoch in den Böhmischen Ländern. Das Archiv des Projektierungsbüros Bauer ist aber mit größter Wahrscheinlichkeit nicht erhalten geblieben, die Dokumentationen der einzelnen Bauten sind über die betreffenden Bau- und Betriebsarchive verstreut. Viele wurden in österreichischen und deutschen Ingenieur-Zeitschriften publiziert und fanden ihren Weg in technische Hand- und Lehrbücher. Er selbst hat erwähnt, dass er bis 1930 an mehr als 380 Projekten gearbeitet hat. Bisher wurden jedoch nur 75 seiner Bauten und Industrieareale zuverlässig identifiziert, von denen 14 bereits nicht mehr existieren.

Bauer verwendete die Skelettbauweise bei einer ganzen Reihe von Gebäudetypen: originell entworfenen Hochbauten entwarf er für die Woll-Fabriken in Brünn, im schlesischen Jägerndorf sowie im nordböhmischen Kralice, Shedbauten wiederum für die Textilwerke in Brněnec oder auch die Vorhangweberei in Sankt Pölten, Hallenrahmkonstruktionen für die Maschinenwerke im nordböhmischen Tannwald oder dem steirischen Weiz. Für das österreichisch-ungarische Kriegs-Ministerium projektierte Bauer in den Jahren 1915-1916 eine Serie von strategisch wichtigen Betrieben, die stickstoffhaltige Stoffe für die Munitionsherstellung (Kunstsalpeterfabriken) produzierten, von denen baulich-authentisch nur eine Anlage im heutigen Mosonmagyárovár erhalten ist. Dort nutzte man Plasma-Technologie zur Stickstoffgewinnung aus der Luft. Ein ähnlich komplexes Werk von Bauer für die Textilindustrie war die heute nur noch teil‑ weise erhaltene Textilfabrik der Berliner Aktiengesellschaft Deutsche Wollwaren-Manufaktur, erbaut in den Jahren 1923-1924, im niederschlesischen Grünberg. Eine typische Tätigkeit von Bauer in der Nachkriegszeit war die Neuorganisation von bestehenden Arealen und ihre Ergänzung um neue Bauten. Diese sollten die bisher auf mehrere Gebäude oder Betriebe verteilte Vorbereitungs- und Finalisierungsprozesse der Herstellung konzentrieren –Beispiele dafür sind authentisch erhaltene Etagenbauwerke in Brünn und Červený Kostelec. Teil dieser Modernisierungsinvestitionen waren auch Färbereibauten, in denen Bauer ab 1912 spezielle, zweifache Entnebelungsdächer aus Stahlbeton entwickelte.

Er fand neue Wege für die räumlichen Anordnung und vor allem die Art und Weise der Armierung von Eisenbetonkonstruktionen. Dabei entwickelte der das Konzept der steifen, selbsttragenden Bewehrung seines Lehrers Josef Melan und dessen älterem Schüler Friedrich Ignaz Emperger (1862–1942) weiter, der in den Jahren 1902–1908 die „Hohle Gußeisensäule mit einem Mantel aus umschnürtem Beton“ entwickelte. Diese nutzte praktisch erstmals 1913 eben Bauer bei der Konstruktion der Werke in Meidling bei Wien für die schwedische Firma Ericsson. In den zwanziger Jahren verwendete Bauer dann Bewehrungsskelette für Eisenbetonbauten, bei denen vorgefertigte Säulenkerne aus Gusseisen verbunden mit einer Betonschale mit einer steifen Stahlumwicklung die Hauptlast des Gebäudes tragen. Die Träger sind dann in eine montiert verbundene selbsttragende Verschalung aus perforierten Blechen (die wiederum als Versteifung dienen) gegossen.

Gleichzeitig widmete sich Bauer politischen und berufsständigen Aktivitäten: er unterstützte den Gedanken einer Vereinigung europäischer Staaten von Richard Coudenhove-Kalergi. 1925 gründete er den österreichischen Ableger der Fédération Internationale des Ingénieurs-Conseils – FIDIC und in den Jahren 1931 bis 1934 war er Präsident der Ingenieur-Kammer für Wien, Niederösterreich und das Burgenland. Bereits 1914 hielt Bauer in Wien die Vorlesung „Das Problem des Industriebaus“, die nicht nur eine Proklamation an den Beruf des Industriearchitekten war, sondern auch eine Reaktion auf die Kölner Ausstellung des Werkbundes und dessen Jahrbuch aus den vorhergehenden Jahren – und damit ein Beitrag zur Diskussion um die Beziehung von Ingenieurwesen und Architektur. Währendessen Peter Behrens und Walter Gropius theoretisch und vor allem praktisch an die Praxis der Veredelung des Ingenieurbaus durch den Architekten anknüpften, entwickelte Hermann Muthesius seine Verteidigung der schöpferischen Fähigkeiten von Ingenieuren weiter, die zur Kunst und Technik vereinen‑ den Sachlichen Architektur führte. Es ist verständlich, dass sich Bauer auf die Seite von Muthesius stellte – ebenso wie er empfand er den Architekten als vielseitig „im guten al‑ ten Sinne“ von Leonard da Vinci, versuchte die Einheit aller Baukunst durchzusetzen und verwarf die Stilarchitektur, jedoch nicht die klassischen formellen Regeln. Er setzte so die empirische Linie des in der Praxis verankerten, architektonischen Denkens fort. Mitchel Schwarzer verfolgt diese in der von Schinkel begonnenen deutschsprachigen Architekturtheorie sowie in der Tektonik-Theorie von Karl Bötticher, und bezeichnet diese als realistisch. Ein verwandtes Konzept formuliert gleichzeitig Kenneth Frampton, der Perrault an den Beginn seiner „Tectonic culture“ stellt. Wenn Bauer einen Industriebau als „Stein und Eisen gewordenes Betriebsdiagramm“ definiert, dann bedeuten „Stein und Eisen“ hier Verbindung mit dieser empirischen, tek‑ tonischen Tradition. Der Entwurf auf der Grundlage des „Betriebsdiagramms“ (routing diagram) sind die fortgeschrittenste, wissenschaftlich begründete Methode der Projektierung, die Bauer auf eine originelle Art und Weise entwickelte. Der Entwurfspraxis und den theoretischen Ansichten europäischer Projektierungsbüros von Industriebauten sollte in der Zukunft noch Aufmerksamkeit gewidmet werden. Man kann jedoch davon ausgehen, dass sie sich vor allem durch Methoden der Teamarbeit entwickelten. Bruno Bauer, der als Autor Entwürfe und Lösungen für den Betriebsablauf, die Konstruktion und Architektur seiner Industriebauten verantwortete, war allerdings offenbar der letzte Schaffende seiner Art.

Zusammenfassung übersetzt von Susanne Spurná

 

 

Dieses Buch ist eine Publikation des Projekts: Industriearchitektur. Das Industriedenkmal als technisch-architektonisches Werk und als Identität eines Ortes – gefördert im Rahmen des Programms Angewandte Forschung und Entwicklung nationaler und kultureller Identität des Kulturministeriums der Tschechischen Republik – NAKI II (DG16P02H001)

 

Lukáš Beran, Bruno Bauer und Industriearchitektur in den böhmischen Ländern, Prag 2016.

128 Seiten; tschechisch/englische und deutsche Zusammenfassung; 133 Abbildungen; ISBN 978-80-01-05992-0 / Autor Lukáš Beran / Ortsregister Irena Lehkoživová / Korrekturen Hana Hlušičková / Rezension Pavel Halík, Petr Urlich / Übersetzung Robin Cassling, Susanne Spurná / Grafik Jan Forejt / Satz Formall / Druck PBtisk / Das Forschungszentrum für das Industrielle Erbe 2016

 

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Industriearchitektur. Das Industriedenkmal als technisch-architektonisches Werk und als Identität eines Ortes

Das Forschungszentrum begann am 1. März 2016 seine Arbeit an einem neuen fünfjährigem Projekt, das im Rahmen des Programms Angewandte Forschung und Entwicklung nationaler und kultureller Identität des Kulturministeriums der Tschechischen Republik – NAKI II – gefördert wird.

Das Projekt schließt unmittelbar an die Ergebnisse des Projektes NAKI Industrie-Topografie der Tschechischen Republik (2011–2014) an, nutzt dessen Datenbank und führt diese weiter. Die wertende und zusammenführende Forschung stellt eine strukturierte Auswahl von beispielhaften Denkmalen des industriellen Erbes und ihrer typischen Situation als spezialisierte Karte mit fachlichem Inhalt, begleitenden Ausstellungen und Monografien zur Verfügung. Sie schöpft aus der Interpretation der industriellen Objekte oder ihrer Ensemble und formuliert deren allgemeinen kulturellen Wert. Dafür werden zwei methodische Leitlinien genutzt:

Die Hauptleitlinie liegt im allgemeinen Prinzip ihrer Entstehung, das zugleich auch das grundlegende Prinzip der industriellen Zivilisation ist – die Rationalisierung des Entwerfens und des Durchführens, die Spezialisierung im Schöpfungsprozess, Typisierung und der globale Transfer von Erfahrungen. Diese Linie begreift Industriebauten als komplexes, individuelles, technisch-architektonisches Werk und verfolgt vor allem den Prozess ihres Entwurfs, ihres Ursprungs beziehungsweise ihrer Autorenschaft, und das zwingenderweise im europäischen Kontext. Sie befasst sich mit der Arbeit der europäischen, spezialisierten Projektierungsbüros, die auf dem Gebiet der Tschechischen Republik richtungsweisend waren. Aber sie widmet sich auch jenen, die dann hier diese Verfahren weiter entwickelten. Dazu gehört die Projektierungstätigkeit von Baufirmen, vor allem im Bereich der Stahlbetonkonstruktionen, die schnell ein sehr hohes Niveau erreichte. Es bezieht das wissenschaftliche Vorgehen in der Entwurfspraxis genossenschaftlicher und staatlicher Organisationen beim Bau technischer und Verkehrsinfrastruktur des Landes, und in der Nachkriegszeit auch beim Bau der industriellen Infrastruktur, mit ein. Die Erkenntnisse sollen auf einer internationalen Konferenz 2018 zur Diskussion gestellt und anschließend zusammengefasst publiziert werden. Die bedeutendsten Bauten und Areale in der Tschechischen Republik werden auf einer spezialisierten Karte festgehalten und zum Abschluss des Projektes im Rahmen einer Ausstellung mit einer repräsentativen, mehrsprachigen Publikation vorgestellt.

Eine komplementäre Linie verfolgt die einzigartige und meist diskontinuale bauliche Entwicklung von industriellen Anlagen, begreift sie als Teil eines heterogenen Ensembles, dessen Funktion(en) sich in kritischen Zeiten ändern und in der postindustriellen Ära verschwinden. Damit charakterisiert sie das Entwicklungspotential für die Erhaltung der Identität eines konkreten Ortes. Deshalb wird die Erfassung und die Reflexion ihrer heutigen historischen Situation sowie eine Auswahl der inspirierendsten Beispiele zum weiteren Thema, das eine Ausstellung und Publikation im dritten Jahr des Projektes vorstellt.

Beide Linien überschneiden sich im Verständnis ihrer inneren, gegensätzlichen Werte, die konkrete Industriebauten und Anlagen des industriellen Erbes in ihrer heutigen Situation vorstellen, unentbehrlich für die Findung eines dementsprechenden, denkmalpflegerischen und doch gleichzeitig schöpferischen, urbanistischen und architektonischen Konzepts zu ihrer weiteren Nutzung.

Projektleiter: Mgr. Lukáš Beran, Ph.D.

Mitarbeiter: Mgr. Jan Zikmund; PhDr. Benjamin Fragner; Mgr. Irena Lehkoživová; Mgr. Jakub Potůček; doc. Ing. arch. Petr Vorlík, Ph.D.; Mgr. Magdalena Tayerlová; Ing. Jakub Bacík

Industrie-Topografie

Industrie-Topografie der Tschechischen Republik – eine neue Nutzung des industriellen Erbes als Teil der nationalen und kulturellen Identität – war das Thema eines vierjährigen Forschungsprojekts des Kulturministeriums der Tschechischen Republik im Rahmen des Programms NAKI (Nationale und Kulturelle Identität). Für die Durchführung des Projektes war in den Jahren 2011 bis 2014 das Forschungszentrum für Industriedenkmale der Fakultät Architektur an der Technischen Universität in Prag (ČVUT) verantwortlich. Es konnte so unmittelbar auf das wachsende Interesse für ein bisher eher der Aufmerksamkeit entgangenes Thema des Kulturerbes reagieren und ermöglichte Objekte des industriellen Erbes in den einzelnen Kreisen der Tschechischen Republik systematisch aufzunehmen und der Öffentlichkeit zu präsentieren.

Wie die letzten Jahrgänge der Konferenz im Rahmen der Biennale Spuren der Industrie zeigten, ist es ein spannendes Thema mit einem hohen Entwicklungspotential – von der Möglichkeit einer Umnutzung der wesenseigenen Industriebauten für heutige Zwecke bis hin zum Ziel für Touristik und Freizeitaktivitäten. Heute gewinnt die Industrietouristik immer mehr an Popularität, sie bietet neues Wissen zur Lokalgeschichte, ungewöhnliche Erlebnisse und Entdeckungen. Dies ist eine außergewöhnliche Gelegenheit für die Popularisierung und die Imagepflege von Regionen. Das Ziel des Projektes war deshalb nicht nur, die Erinnerung an die Vergangenheit festzuhalten, sondern dieses wertvolle Kapital – das von der industriellen Ära hinterlassene Erbe – neu zu nutzen.

Zu den vielen praktischen Ergebnissen des Projektes gehören verschiedene Publikationen und informative, thematische Übersichten sowie digitale Karten, die sich auf die Möglichkeiten einer Wieder- bzw. Umnutzung des industriellen Erbes richten.

Für das Projekt entwickelte das Forschungszentrum eine Datenbank, die methodisch, inhaltlich und grafisch an die vorher herausgegebene, erfolgreiche und heute vielfach vergriffene Publikationsreihe zu Industriedenkmalen anknüpft. Diese ist vor allem für staatliche und Gemeindeverwaltungen, private Investoren und die Tourismusbranche gedacht. Aber auch einer breiten Öffentlichkeit bieten diese Publikationen interessantes Wissen auf Bildungsreisen und erweitern die allgemein bekannten Informationen über die besuchten Orte.

Die elektronische Version der Publikationen ist auf den Internetseiten www.industrialnitopografie.cz zu finden und ermöglicht eine Verbindung von weiterführenden Informationen und dem Kartenmaterial.

Das war allerdings nur ein Teil des Projekts. Anknüpfend daran wurden Nutzungsstudien von Objekten und komparative Studien zu verschiedenen Umnutzungsvarianten angefertigt und ihr architektonischer sowie ihr Denkmalwert untersucht.

Die Ergebnisse der vertiefenden Diskussionen und der Vergleich mit Vorgehensweisen im Ausland wurden auf der Ausstellung Architekturen der Konversion zum Jahreswechsel  2014 und 2015 zusammengefasst vorgestellt.